Kunsttherapie: nix mit "bisschen malen gehen"

Ein weiterer Baustein, der mich einen entscheidenden Schritt weiterbrachte, war ein Biografieseminar, das ich als Weiterbildung besuchte.
Auch dies bei einer wunderbaren, top ausgebildeten Frau: Natalie Danzeisen.



Im Biografieseminar ging es darum, eine Biografierolle zu gestalten, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, Muster zu erkennen und auch zu verstehen, wie die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst und welche Ressourcen einem durch die Vergangenheit bei der Gestaltung der Zukunft zur Verfügung stehen.
Für mich war es eine Möglichkeit zu erkennen, dass ich ab jetzt neue Entscheidungen treffen kann und damit beginnen muss, eine Vergangenheit loszulassen, die mich ultrafest im Würgegriff hatte. Zeitlich ist dieses Biografieseminar eher am Beginn meiner Krise angesiedelt; bzw. mittendrin.
Als Ergänzung und Vertiefung besuchte ich dann noch Kunssttherapiestunden bei Natalie. 
Dazu später mehr. 

Im Biografieseminar wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie ferngesteuert ich schon ganz ganz lange gewesen war; vor allem durch die Konflikte, die mit meiner Adoption zusammenhängen (dankbar sein müssen, sich unbewusst verpflichtet fühlen, den Eltern "gefallen" wollen...> "Die zwei Wahrheiten im Leben von Adoptierten").
Ich hatte meinem Herzen nicht zugehört und Dinge getan, von denen ich unterbewusst glaubte dass sie meinen Eltern Freude machen. Nicht ausschliesslich natürlich; es war ja nicht so dass ich Berufe wählte, die überhaupt nicht meinen Wünschen entsprachen, nur meinen Eltern zuliebe. Und doch war ich nicht frei gewesen.
Ich bin mir sicher dass dies ein universelles und kein "Adoptionsthema" ist; dass es für alle Menschen eine mehr oder weniger grosse Herausforderung ist, sich als Erwachsene von den Wünschen und Vorstellungen ihrer Eltern zu lösen und eigene Wege zu gehen, "über die Eltern hinauszuwachsen", auf die "Gefahr" hin, dafür nicht anerkannt, nicht geliebt zu werden.
Das alte Thema. Wir wollen geliebt werden, dazugehören, Anerkennung und Wertschätzung bekommen. Dafür tun wir so ziemlich alles. Als Kind war das auch irgendwie überlebenswichtig; man war auf Gedeih und Verderb auf die Eltern und deren Liebe angewiesen.
Wenn man beginnt, seinem Herzen zu folgen, merkt man immer mehr, wie unglaublich kraftvoll und beglückend es ist, vor allem auf sich selbst zu hören und das zu tun, was einem am meisten liegt und was einen erfüllt und glücklich macht.
Nur; "das" war bei mir unter einer wahren Geröllhalde begraben gewesen und ich konnte es bis zu meiner Krise, die diesen Geröllhaufen dann regelrecht gesprengt hat, gar nicht wirklich erkennen. 
Sicher geht es vielen von euch so.
Ich weiss noch, wie ich meinem damaligen Coach, der mich immer wieder dazu anhielt, einfach das zu tun, "was mein Herz mir sagt", einmal verzweifelt und unter Tränen antwortete: 
"Ich habe keine Ahnung was mein Herz mir sagt, ich kann es nicht hören!"
Im Biografieseminar näherte ich mich diesem meinem Herzen und seiner leisen Stimme an, zaghaft, so lange hatte ich sie nicht mehr gehört und vertraute schon gar nicht darauf, dass ich auf sie hören durfte. Die fertige Biografierolle, quasi sein eigenes Leben, so ausgebreitet vor sich zu haben, ist ein Erlebnis für sich. Diese Rolle brachte dann auch den Stein von "Ne me quitte pas" ins Rollen.
Als ich da bildlich all meine Beziehungen vor mir hatte, begann ich diese näher zu betrachten; ich begann erste Muster zu erkennen und aufzudecken, was mich in der Vergangenheit bei der Partnerwahl so geleitet hatte. 

Der Prozess ist ein organischer; beim Tun (auswählen, ausschneiden, positionieren, kleben und beschriften der Fotos) einerseits und beim anschliessenden Betrachten andererseits werden ganz tiefe Schichten der eigenen Persönlichkeit aufgedeckt, und (wiederkehrende) Muster zeigen sich automatisch. Und dies wiederum löst einen Prozess aus, der wie eine Art kleines Erdbeben wirken kann, bei dem noch nach Tagen, Wochen und Monaten kleine Nachbeben bzw. Nachwirkungen spürbar sind.
Das Biografieseminar hat etwas in mir angestossen, was unglaublich wertvoll war; einerseits den ehrlichen Blick auf das, was ich gewesen war; andererseits eine völlig neue Art, wie man selbstbestimmt und selbstgestaltend in die Zukunft geht. Im Grunde geht es dabei um das zentrale Thema, um das sich so viele meiner posts drehen: 

Die wunderbare Natalie schenkte mir dann noch 5 Kunsttherapiestunden. 
Es war meine Zeit des Raumes zwischen "nicht mehr" und "noch nicht" (post "Der Raum zwischen nicht mehr und noch nicht"); mein altes Leben war zusammengebrochen, existierte nicht mehr, ein Trümmerhaufen bestehend aus Wehmut, Angst, Lähmung und doch einer seltsamen Art von Erleichterung; aber etwas Neues war noch nirgends in Sicht. Die Kunsttherapie und die Gespräche mit Natalie halfen mir massgeblich dabei, genau diesen Raum immer wieder auszuhalten; immer wieder innezuhalten, durchzuatmen und mir selbst und "dem Universum" zu erlauben, mir eine Art Schutzraum zu schaffen, in dem etwas Neues entstehen konnte. 
Ganz konkret: ich hatte ganz lange komplette Versagensgefühle, hatte das Gefühl, nichts mehr auf die Reihe zu kriegen und doch zu müssen, ich muss doch arbeiten, weitermachen...durch das konkrete Gestalten, fühlen, sehen, berühren meines "Rückzugs- und Schutzraums" bei Natalie wurde für mich noch einmal plastisch deutlich, dass dies nun mein RECHT war, immens wichtig und richtig, damit etwas Neues überhaupt werden kann. Dies wäre für mich niemals so nachhaltig gewesen, wenn es rein gesprächsbasiert besprochen worden wäre, da ich so dermassen tiefsitzende Glaubenssätze darüber hatte, was man doch müsste und sollte.
Rückblickend fühlt es sich fast an wie ein Winterschlaf, in dem sich still und leise etwas Neues formierte, gesetzte Samen unsichtbar zum Leben erwachten, die ich aber noch weder sehen noch fühlen noch greifen konnte. 



Es war schwierig und verlangte mir alles ab; ich als "Macherin" kam an meine absoluten Grenzen, es wurde mir aber ebenfalls wieder, gerade dadurch, deutlich bewusst, wie sehr ich bisher genau durch dieses ewige "Machen" in genau diese Sackgasse geraten war. Ich musste üben loszulassen. Immer wieder. Immer wieder. Und vertrauen lernen. Immer wieder.

In diesen Stunden setzte ich mich vertieft mit meiner damaligen Situation auseinander. Künstlerisch...doch das, was mir persönlich so unglaublich gut tat, war die Tatsache, dass es nicht darum ging, etwas "Tolles", "künstlerisch Wertvolles" zu "produzieren"; es ging einfach ums Machen. Über verschiedene Zugänge und unterschiedlichste Materialien führte mich Natalie in den Prozess hinein. Mal waren es Gegenstände, mit denen ich mir einen "Schutzraum" bauen sollte; dann wieder verschiedene Stoffe, Papiere, Hefte für Collagen, und natürlich auch Pinsel und Wasserfarben, mit denen ich mit offenen, aber auch mit geschlossenen Augen malen sollte. Einfach von der Intuition geleitet. 


Mir wurde überdeutlich bewusst in welchem Ausmass ich mich im Grunde bisher vom Kopf und Verstand hatte leiten lassen und das, obwohl ich mich niemals als "Kopfmenschen" bezeichnet hätte!! Ein wahres, nicht nur angenehmes Aha-Erlebnis. 
Zu Beginn fiel mir dieses "einfach machen" auch dementsprechend schwer. Doch nach und nach spürte ich, wie unendlich gut es mir tat, einfach loszulassen, und es war faszinierend, wie auf fast magische Art und Weise etwas entstand, was tief aus dem Herzen (oder der Seele) kam und so viel offenbarte, wenn Natalie und ich es anschliessend gemeinsam analysierten. Und ebenfalls entstand "Magisches" oft im Moment, unplanbar, flüchtig nur, doch umso erstaunlicher: 


Natalie hat ein unglaubliches Talent dafür, zur richtigen Zeit die richtigen Fragen zu stellen; auch ihre ruhige, aber doch sehr klare und zielgerichtete Art, ihre Intuition dafür, wann führen angesagt ist und wann einfach nur zuhören, machen sie zu einer wunderbaren Kunsttherapeutin.

Mir scheint dass das, was eine Kunsttherapeutin oder ein Kunsttherapeut macht, in vielen Köpfen noch sehr verschwommen und unklar ist. Es geht in keinster Weise darum, einfach "ein bisschen malen zu gehen". Es ist ein psychologischer Prozess, der in Wechselwirkung mit der Handlungsebene stattfindet und so einen enorm tiefgreifenden Effekt erzielt und, da mit dem Tun verbunden, umso nachhaltiger wirkt. Meine Erfahrung ist, dass die Kunsttherapie in kürzerer Zeit mehr bewirkt als eine klassische Psychotherapiestunde, die ausschliesslich gesprächsbasiert ist. Das ist natürlich subjektiv und bei jedem Menschen sehr verschieden, deshalb spreche ich hier explizit über meine eigene Erfahrung damit. Durch den künstlerischen Ausdruck offenbaren sich einem Dinge auf eine andere, einprägsamere Art, man kommt auf einer ganz tiefen Ebene in einen Austausch mit sich selbst und deckt handelnd das auf, um was es gerade geht, was die Kernthematik ist. Und durch das Handeln entstehen gleichzeitig HandlungsMÖGLICHKEITEN, wie es weitergehen könnte, sie werden während des Prozesses sichtbar gemacht, auch solche, die der Verstand von allein nie gesehen hätte.
DAS fand ich das Faszinierendste!

Für die Kunsttherapie muss man weder besonders begabt sein noch die Erwartung haben, man müsse irgendwelche "Kunstwerke" produzieren. 
Ich kann die Kunsttherapie wirklich unglaublich empfehlen und zwar allen Menschen, die sich in einer Krise befinden; die sich vertieft mit einem Wendepunkt in ihrem Leben, einem Problem auseinandersetzen wollen; sich in einer gefühlten Sackgasse befinden oder einfach spüren, dass sie irgendwie feststecken und das Leben, das sie im Moment führen, sie nicht (mehr) erfüllt.






Diese Bilder entstanden bei der Abschlussausstellung der Kunsttherapeutinnen. Ich bin sehr stolz darauf, dass Natalie mein Foto bei ihrer Ausstellung gezeigt hat. Die Vasen hat sie selbst getöpfert und zusammen mit dem Vasenbild, das gleichzeitig ihr Logo ist, verschönern diese nun ihren neuen Therapieraum, den sie vor Kurzem eröffnet hat:

Wer sich dafür interessiert kann auch erst auf ihrer homepage schnuppern gehen: www.selbstgestaltung.ch


Ich merke jetzt noch einmal, beim Schreiben, wieviel diese Kunsttherapie angestossen hat und wie nachhaltig sie selbst jetzt, nach Monaten, noch wirkt!

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